Open-Source-Lösungen werden immer häufiger in der Vergabepraxis der öffentlichen Hand gefordert, doch bei den Zuschlagskriterien herrscht noch große Unklarheit. Die Open Source Business Alliance (OSBA) hat ein gut verständliches Positionspapier formuliert – wir haben es für euch gelesen.
Wer in der öffentlichen Verwaltung mit der Vorgabe konfrontiert ist, Open-Source-Lösungen zu beschaffen (also „einzukaufen“), sollte die Unterschiede zu proprietärer Software kennen. Andernfalls drohen Fehler, die sowohl den Projekterfolg als auch das FOSS-Ökosystem gefährden.
Das vorliegende Papier gibt der öffentlichen Verwaltung Hinweise an die Hand, wie Open Source Software nachhaltig beschafft werden kann, so dass die Verwaltung qualitative Angebote erkennen und auswählen kann und gleichzeitig das Open-Source-Ökosystem langfristig gestärkt und das Ziel der digitalen Souveränität erreicht wird.
Das Positionspapier gibt also zunächst einen gut leserlichen und verständlichen Überblick über Open-Source-Software allgemein sowie über die Community und die Geschäftsmodelle in diesem Umfeld. Auch der Unterschied zwischen Makern (aktiv mitentwickelnden Parteien) und Takern (den Nutznießern mit den Billigpreisen) wird anschaulich erläutert (natürlich mit anderen Begriffen). Dabei wird klar hervorgehoben, dass der Preis als entscheidendes Vergabekriterium gewissermaßen sogar gegen die eigenen Interessen steht.
Werden Leistungen der öffentlichen Hand allein oder in erster Linie nach Preis vergeben, benachteiligt dies Bewerber/Bieter, die ein nachhaltiges Geschäftsmodell verfolgen.
Es wurden auch ein paar anschauliche Praxisbeispiele untergebracht, die verdeutlichen, auf welche Weise sich Vergabefehler auswirken, etwa von nichtveröffentlichten Forks, die der Nachnutzbarkeit diametral entgegenstehen - und natürlich auch Schlaglichter aus dem Unterbietungswettbewerb:
[...] Unternehmen x und Unternehmen y haben die Ausschreibung mit Dumpingpreisen gewonnen und sich im Nachhinein bei uns gemeldet, ob wir das Consulting für Skalierung und Performanceprobleme machen können. Wir haben [...] auf unsere normale Subskription verwiesen, für die aber im Proekt kein Budget mehr vorhanden war.
Vor diesem Hintergrund fordert die OSBA folgende „Kriterien für die nachhaltige Beschaffung“:
- Beziehung zum Software-Hersteller / zur Community
- Sicherstellung der Upstream-Veröffentlichung vorgenommener Anpassungen
- Sicherstellung eines hochqualitativen Third-Level-Supports
- Absicherung der Lieferkette durch Unterstützung von Basiskomponenten
Im Anhang finden sich dazu jeweils konkrete Formulierungshilfen (die natürlich auf das fragliche Projekt anzupassen sind) - als A-Kriterien (zu erfüllende Ausschlusskriterien) oder als B-Kriterien (mit Punkteskala für den Erfüllungsgrad).
Unser Fazit
Für das allgemeine Verständnis, wie Open-Source-Software funktioniert und wie man deren Nachhaltigkeit unterstützen kann, ist mindestens das 1. Kapitel für alle lesenswert. Wer nach Vergaberecht für die Beschaffung eines Content-Management-Systems zuständig ist oder sich als Agentur auf Ausschreibungen mit Fokus auf Open-Source-CMS bewirbt, sollte die 11 Inhaltsseiten und die 4 Seiten Anhang unbedingt lesen.
Dabei muss einschränkend angemerkt werden, dass das Positionspapier recht herstellerfokussiert ist. Das ist verständlich, wenn man die Mitglieder der OSBA berücksichtigt. Für Beschaffung der meisten Open-Source-CMS sind daher einige Teile anpassungsbedürftig. Beispielsweise dürften Kriterien wie „Insider-Wissen über geplante Entwicklungen“ durch eine Nähe zum Hersteller oder die Beschäftigung von Core-Entwickler*innen im Rahmen eines fairen Wettbewerbs schwerlich darstellbar sein.
Quelle
Der Volltext ist auf der Website der OSBA zu lesen und als PDF herunterladbar. Ihr könnt das Dokument auch gleich hier downloaden. Das Positionspapier wurde unter CC BY SA 4.0 International veröffentlicht, darf also unter Namensnennung zu gleichen Bedingungen weitergegeben werden.
Herausgeber: © 2025 Open Source Business Alliance – Bundesverband für digitale Souveränität e. V. / Autoren: Working Group Beschaffung der Open Source Business Alliance

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