Die Gestaltung ist wichtig, keine Frage. Design gibt Struktur, schafft Charakter und unterstützt die Orientierung. Aber kein noch so gutes Design ersetzt das Umsetzungskonzept. Und es sollte dieses auch nicht torpedieren. Natürlich ist es verständlich, dass Sie möglichst bald „etwas Konkretes“ sehen wollen. Aber Sie sollten jetzt ganz tapfer sein: das ist keine gute Idee.
Ein typisches Beispiel aus der Praxis
Im Lastenheft finden wir unter dem Punkt „Allgemein“ den Hinweis „Umsetzung des separat beauftragten Designs in Templates. Das Design wird spätestens zum Datum von Meilenstein 1 vorliegen.“ Weiter hinten lesen wir dann zur konkreten Leistungsposition „Übersicht Ansprechpartner“ die Vorgabe „Die Ansprechpartner (einzeln pflegbare Datensätze) sollen alphabetisch sortiert auf einer Seite zusammengestellt werden. Es werden erfasst: Akademischer Titel, Vorname, Nachname, Abteilung, E-Mail-Adresse, Telefonnummer.“ Die Auftragnehmerin hat den typischen Aufwand hierfür kalkuliert, der Vertrag kommt zustande. Der Termin für Meilenstein 1 kommt und geht, denn es ist ganz normal, dass man den Diskussionsbedarf zu den Designs unterschätzt hat und des Designbüro noch ein paar Überarbeitungsrunden extra machen muss (hoffentlich gegen extra Entlohnung). Die CMS-Experten haben einen eigenen Abgabetermin einzuhalten und fangen deshalb schon mal an, die Datensätze für die Ansprechpartner zu konfigurieren.
Mit ein paar Wochen Verzögerung – die Ansprechpartnerseite ist bereits gebaut und wartet nur noch auf das Styling – wird das Screendesign vorgelegt, begleitet von einer Entschuldigung: „Leider hat es ein bisschen länger gedauert, weil wir mit der A-bis-Z-Leiste und der Anordnung der Portraitfotos noch nicht zufrieden waren.“ Moment mal … A-bis-Z-Leiste? Sprechen wir von Sprungmarken oder gar einer Filterfunktion? Und von Fotos war im Lastenheft auch nicht die Rede. Außerdem finden wir in der Layoutdatei noch ein (funktionsloses?) Suchfeld.
Was ist passiert? Entweder wurde dem Designbüro das Lastenheft überhaupt nicht zur Kenntnis gegeben oder es wurde nicht so genau gelesen. Und mit Fotos sieht die Seite ja auch wirklich besser aus.
Wir nehmen Kontakt mit der Auftraggeberin auf und weisen sie darauf hin, dass wir für die neuen Elemente und Funktionalitäten Mehraufwand berechnen müssen. Die Antwort: „Mehraufwand haben wir nicht im Budget.“ Na gut, ist ja nicht so schlimm. Dann verwenden wir aus dem Layout die Elemente, die auf die beauftragte Leistung anwendbar sind und ignorieren den Rest. Das gefällt der Auftraggeberin aber auch nicht: „Die Seite muss so umgesetzt werden wie in der Designdatei, das ist jetzt von der Geschäftsführung so freigegeben worden.“ Das Projektmanagement wird in Folge mit dem Abwiegeln von Mehraufwand beschäftigt sein sowie mit dem Versuch, trotzdem eine positive Stimmung aufrecht zu erhalten, was sehr zeitraubend werden kann – zu Lasten des Projekts.
Was übrigens an unserem Beispiel nicht stimmt: Eine erfahrene CMS-Agentur hat diese Schmerzen schon durchlebt und wird entweder einen saftigen Risikoaufschlag kalkulieren oder aber darauf hinweisen, dass die Umsetzung des (unbekannten) Designs ausgenommen ist und im Rahmen eines Zusatzangebots gesondert beauftragt werden kann, sobald das Design vorliegt.
Prinzipien statt Pixel
Aber das dürfte doch alles kein Problem sein, wenn Design und CMS-Umsetzung vom selben Anbieter kommen, oder? – Stimmt, das erleichtert einiges. Aber auch dann sollte der Anforderungskatalog verbindlich bleiben. Es ist nicht die Aufgabe der Designerin, mit dem Auftraggeber Funktionalitäten zu klären. Sie kann Bedienelemente gestalten, aber ob diese benötigt werden oder welche Interaktion sie auslösen, ist Thema der Konzeption. Designer können Vorschläge machen, z. B. wie eine A-bis-Z-Leiste exemplarisch aussehen könnte, wenn sie angefordert ist. Sie können visualisieren, wie Elemente eines Teasers zueinander positioniert werden sollten. Aber sie können nicht die Entscheidung treffen, ob Teaserbilder überhaupt vorhanden sein werden.
Nebenbei bemerkt, sollte das Design auch Optionen für Teaser ohne Bilder liefern sowie Aufschluss darüber geben, wie sich unterschiedlich lange Teasertexte verhalten sollen.
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